Einführungsrede von Mathias Haentjes
Mainzer Kunstverein Eisenturm, Mainz, 2007
Stefan Enders. Angesichts.
Gedanken zur Einführung.
„All mein Malen ist Zufall. Natürlich sehe ich es voraus, ich habe es im Kopf, und doch führe ich es fast niemals so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es verwandelt sich beim Malen.“
Ein Satz von Francis Bacon. Francis Bacon ist einer der Lieblingsmaler von Stefan Enders. Und wenn man in diesen Sätzen das Wort „Malen“ durch „Fotografieren“ ersetzt, kommt man dem Fotografen, dem Fotokünstler Stefan Enders auf die Spur.
Also: Stefan Enders’ Fotografien leben vom Zufall. Sie sind vorausgeplant, es ist viel Kopfarbeit dabei, und doch führt auch Stefan Enders seine Arbeiten fast niemals so aus, wie er sie sich vorgestellt hatte. Auch bei ihm verwandelt sich etwas .
Stefan Enders ist von Haus aus Maler. Hier in Mainz, an der Kunstakademie erhielt er vor zwei Jahrzehnten seine Ausbildung. Dann ging er nach Düsseldorf, magisch angezogen von einem großen Namen der deutschen Malerei: Gerhard Richter. Doch Stefan Enders und Gerhard Richter fanden nicht zusammen - was heute durchaus konsequent und richtig erscheint. Obwohl Richters Kunst im ersten Moment der Fotografie so nahe zu sein scheint.
In Düsseldorf findet der eigentliche künstlerische Selbstfindungsprozess für Stefan Enders statt. Das Handwerkszeug der Fotografie hatte er sich während des Kunststudiums erarbeitet. Zur Dokumentation seiner Arbeiten, nebenbei.
Ein armer Kunststudent muß auch Geld verdienen. Durch Zufall gerät Stefan Enders an einen Redakteur des „Stern“. Kleine Reportage-Aufträge werden immer größer. Der junge Maler hat ein Aha-Erlebnis. Die Fotografie als Bild der Wirklichkeit kommt seinen künstlerischen Interessen entgegen.
Der Augenblick, die Bewegung, das Gestische – Die Maler der „Jungen Wilden Malerei“, die in Düsseldorf eines ihrer Zentren hat, bringen dies mit Wucht auf die Leinwand. Stefan Enders – der zu einer neuen Generation gehört – setzt es mit der Kamera um.
Und hier wird auch klar warum die Paarung Enders-Richter nicht funktionieren konnte: Richters Werk - gerade in seinen dem Fotorealismus nahe stehenden Arbeiten - lebt von der Planung, der Übertragung schon gefundener Bilder in das malerische Medium. Und da ist Stefan Enders mit seinen Fotoarbeiten tatsächlich viel viel näher an Francis Bacon.
„Ich benutze sehr große Pinsel, und durch die Art wie ich arbeite, weiß ich tatsächlich sehr oft nicht, wie sich die aufgetragene Farbe verhalten wird“ sagt Bacon. Stefan Enders benutzt bei seinen hier gezeigten Arbeiten auch so etwas wie einen großen Pinsel, eine Mittelformatkamera, die auf Grund ihrer optischen Eigenschaften im Arbeitsprozeß ein ähnliches Eigenleben entwickelt.
Wer Stefan Enders schon einmal bei der Arbeit auf der Straße beobachtet hat, sieht etwas Merkwürdiges: da ist ein mit sehr vielen Gerätschaften behangener Mann auf öffentlichen Plätzen unterwegs. In der einen Hand hat er eben diese Mittelformat-Kamera, in der anderen einen Blitz. Er trägt die Kamera im Arm - nicht vor dem Gesicht ! - geht auf Menschen zu, ganz nah, und drückt - zur Überraschung der Portraitierten - auf den Auslöser. Es Blitzt….
Was folgt ist eine kurze Irritation, die Stefan Enders mit einem Lächeln und großem Charme in eine freundliche Situation überführt.
Das Ergebnis sind Bewegungstudien, die in einem sehr knappen Tiefenschärfebereich operieren. Of zeichnen sie die Unschärfe mit. Sie halten ein Moment der Überraschung im Gesicht der Portraitierten fest. Das Ganze im strengen formalen Rahmen des quadratischen Bildes.
Bacon sagt: Der Zufall ist der wichtigste und ertragreichste Aspekt eines Kunstwerks.
Tatsächlich ähneln Stefan Enders’ Arbeiten auch formal in manchen Aspekten den Bildern Francis Bacons. Bewegung in einen Augenblick bannen, körperlichen Ausdruck in die Zweidimensionalität des Bildes bringen, die Unschärfen, das Gestische…
Aber Stefan Enders Fotografie hält dazu noch eine weitere Qualität bereit – und die geht über den malerischen Ansatz hinaus. Es ist der Bezug zu einer globalen Wirklichkeit. Die hier gezeigten Arbeiten sind auf vier Kontinenten entstanden. Wir sehen eine Vielzahl von Menschen in ihrem Alltag. Sie scheinen in permanenter Bewegung. Unterwegs von hier nach da. Wir kennen ihr Ziel nicht, wir treffen sie in einem Augenblick, der eine hundertstel Sekunde später wieder vorbei ist. Sie sind Individuen und doch Teil einer nach Milliarden zählenden Masse, die auf einer immerwährenden Suche zu sein scheint.
Angesichts dieser Menschen werden wir auf uns selbst verwiesen.
Was ist eigentlich mein Weg ? Wer bin ich selbst ?
Diese Frage wird von Stefan Enders Bildern an uns gerichteet wird. Es ist eine der großen Kernfragen der Kunst - und des Menschen .
Mathias Haentjes ist Autor, Regisseur und Fernsehjournalist
mit dem Schwerpunkt Kultur und Zeitgeschichte.