Auszüge der Rede von Enno Kaufhold
Landesvertretung Rheinland-Pfalz, Berlin, 2010

back

Über die Arbeit von Stefan Enders,

»...Die Nähe und damit das Unmittelbare, das Direkte, das ist das, was sich dem Blick des Betrachter primär erschließt...
... Angesichts der Weitwinkeligkeit der von ihm verwendeten Objektive und Kameras kommt dass, was die fotografierten Menschen räumlich umgibt, mit ins Bild und schafft so einen Bezug, der für die Interpretation große Bedeutung hat. Zeigt sich Stefan Enders schon im Auffinden wie Beobachten der Menschen mit äußerstem Scharfsinn, so macht das Einbeziehen der aussagekräftigen Hintergründe ihn vollends zu einem perfekten Beobachter. Das deckt sich mit dem Eindruck, den insbesondere die Texte in seinem neuen Buch vermitteln, dass er nämlich über die jeweils fotografierten Länder und deren Besonderheiten bestens informiert ist. Anders gesagt, er weiß, was er fotografiert und was er fotografieren will. Das gilt es auch deshalb zu betonen, weil die beschriebene Aufnahmetechnik den Verdacht aufkommen lässt, seine Bilder seien allein dem Zufall geschuldet. Obwohl er mit einer entfesselten Kamera arbeitet und in der Mehrzahl der Fälle auch nicht durch den Sucher der Kamera blicken kann, wenn er auf die Menschen trifft, die ihn interessieren, antizipiert er die Bildausschnitte und weiß infolgedessen, was aufs Bild kommen wird. Das schließt den Zufall, der ihm als letztlich unberechenbare Größe voll bewusst ist, nicht aus, er sucht ihn geradezu, um etwas Unerwartetes in den Bildern zu entdecken. Mit diesem Unvorhersehbaren spielend, möchte er auch nicht präzise geklärt haben, was genau vor seiner Kamera passiert, denn nur so kann er seine eigenen Geschichten assoziativ entwickeln...

... Dabei lassen alle seine im Bruchteil von Sekunden aufgenommenen Porträts durchgehend seine Sympathien für Menschen erkennen. Er agiert zwar in der beschriebenen Weise mit seiner entfesselten Kamera und gibt den von ihm aufgenommenen Menschen kaum eine Chance, sich zur Wehr zu setzen. Bei Lichte besehen, sei es nun das natürliche Tageslicht oder das Blitzlicht, gibt er die Menschen aber so und nicht anders wieder, wie sie sich in dem Moment in der Öffentlichkeit bewegt und gezeigt haben. Mit dieser, dem Menschen zugewandten Haltung, die sich in all seinen Bildern finden lässt, schließt er in bester Manier an die Tradition des human interest an, eine Haltung, wie sie in den 50er Jahren in der Fotografie aufkam. Nicht von ungefähr sieht Stefan Enders in dem Amerikaner William Klein, dessen Karriere als Straßenfotograf in diesen Jahren begann, das für ihn wichtigste Vorbild.
Wie auf der Straße alles im ständigen Fluss ist und wie auch er sich in fortwährender Bewegung befindet, präsentiert er auch seine Bilder, in den Reihungen dem Filmischen vergleichbar. In den Formaten wie den Motiven wechselnd, erwachsen aus dem Bilderfluss Rhythmus und Melodie. Anders formuliert, in der Abfolge der weder chronologisch noch thematisch nach den Reisen geordneten Porträts erweist sich Stefan Enders Grundüberzeugung vom Menschen als Mitmenschen, den er ohne Vorbehalte als Gleicher unter Gleichen gelten lässt. In der Abfolge der Bilder erleben wir das wie einen Fluss der Menschlichkeit. Ein Mensch, ein Schicksal, eine menschliche Eigenart reiht sich an die andere, wie ein ewiger Strom. Ein Strom, von dem zu hoffen ist, dass er nicht all zu schnell versiegt...«

Dr. Enno Kaufhold,
anlässlich der Ausstellungseröffnung am Freitag, 15. Oktober 2010
in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz in Berlin

back