Leipzig im November 1989
Die Situation in Leipzig am Morgen des 10.November – am Tag Eins nach der Maueröffnung – war anders als in Berlin. Es herrschte nicht dieser internationale Freudentaumel, den damals Berlin erfasst hatte, es gab nicht das Brandenburger Tor und nicht die Berliner Mauer, auf die man klettern oder sich sogar ein Stück davon mit dem Hammer herausschlagen konnte. Doch man spürte eine ganz besondere Stimmung in der Stadt. Allen war klar: Die Welt ist von heute an eine andere. Und wir erlebten in den Gesprächen den Stolz der Leipziger. Auf ihre Stadt, die eine bedeutende Rolle beim Fall der Mauer gespielt hatte: Angefangen von den Friedensgebeten in der Nikolaikirche bis hin zu den Montagsdemonstrationen in der Leipziger Innenstadt mit den Parolen »Wir sind das Volk«, »Schließt euch an!« und »Keine Gewalt!«
Im Gegensatz zum emotionsgeschwängerten Berlin prägten inhaltliche Diskussionen die Stimmung in der Stadt – wie geht es weiter, welchen politischen Weg wollen wir einschlagen. Ob auf der Straße, auf dem Karl-Marx-Platz oder bei Podiumsdiskussionen im Gewandhaus.
Am darauffolgenden Montag folgten 150.000 Menschen dem Aufruf zur Demonstration in der Leipziger Innenstadt. Besonders vor der Stasizentrale am Dittrichring, dem berüchtigten Runden Eck, entlud sich Wut der Teilnehmer. Doch man konnte spüren, wie durch die Ereignisse der vergangenen Tage die noch im Oktober vorherrschende Angst, die Staatsmacht könne doch dem chinesischen Vorbild folgen und die Bewegung gewaltsam niederschlagen, einer begeisterten Aufbruchstimmung gewichen war.
Wenige Tage später kehrten wir nach Berlin zurück – quasi die Rückkehr in eine völlig neue Welt. Während wir in der vergangenen Woche noch als internationale Delegation den Checkpoint Charlie nach Ost-Berlin überqueren mussten, klaffte plötzlich am Potsdamer Platz ein Loch in der Mauer. Ein Stück der Mauer war einfach eingerissen und fehlte. Und dort hatte man einen improvisierten Grenzübergang eingerichtet, an dem wir einfach unseren Ausweis vorzeigen konnten.
Am Brandenburger Tor fanden wir uns dann in einer eigenartigen Menge wieder, die wie nach einer viel zu langen durchfeierten Nacht in einer alkoholisierten Katerstimmung und quasi in Zeitlupe ihre Deutschland-Fahnen schwenkten. Als ob man bereits damals einen Vorgeschmack, eine Ahnung auf die folgenden Jahre hätte spüren können.




