Einführungs-Essay Mathias Haentjes
Mathias Haentjes: Stefan Enders und seine Arbeit
»All mein Malen ist Zufall. Natürlich sehe ich es voraus, ich habe es im Kopf, und doch führe ich es fast niemals so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es verwandelt sich beim Malen.«
Ein Satz von Francis Bacon. Francis Bacon ist einer der Lieblingsmaler von Stefan Enders. Wenn man in diesen Sätzen das Wort »Malen« durch »Fotografieren« ersetzt, kommt man dem Fotografen, dem Fotokünstler Stefan Enders auf die Spur.
Stefan Enders’ Fotografien leben vom Zufall, aber er überlässt sie diesem nicht. Sie sind vorausgeplant – Kopfarbeit ist wesentlicher Teil des Prozesses. Die Vorbereitung seiner Arbeit ist akribisch: Die Auswahl des Materials ist sorgfältig, auch der Umgang mit dem Belichtungsträger und dem fotografischen Apparat. Die Kamera hat er für seinen eigenen Blick auf den Moment umgebaut. Die möglichst unauffällige Handhabung der Kamera durch lange Erfahrung perfektioniert. Dann aber, im Moment des Fotografierens, überlässt er für einen Bruchteil einer Sekunde der Welt ihren eigenständigen Einfluss auf den Lauf der Dinge. Seine Arbeiten sehen am Ende oft anders aus, als er sie sich vorgestellt hat, auch bei ihm verwandelt sich etwas beim Entstehungsprozess.
Stefan Enders ist von Haus aus Maler. An der Kunstakademie Mainz erhielt er vor gut zwei Jahrzehnten seine Ausbildung. Dann geht er nach Düsseldorf, magisch angezogen von einem großen Namen der deutschen Malerei: Gerhard Richter. Doch Richter verweist ihn an einen anderen Lehrer an der Kunstakademie. Diese Zurückweisung erweist sich im Nachhinein als wichtiger Impuls für Stefan Enders künstlerischen Weg. Er wird vom jungen Maler, den an Richters Kunst ganz besonders der Bezug zur Fotografie anzog, zum eigenständigen fotografischen Autor, zum Lichtbildner.
In Düsseldorf findet der eigentliche kreative Selbstfindungsprozess für Stefan Enders statt. Das Handwerkszeug der Fotografie hatte er sich während des Kunststudiums erarbeitet. Eigentlich nur zur Dokumentation seiner Arbeiten, nebenbei. Durch Zufall gerät er an einen Redakteur des STERN und an seine ersten kleinen Reportage-Aufträge, die schnell größer und häufiger werden. Der junge Maler hat ein Aha-Erlebnis: Die notwendige Bindung des Mediums Fotografie an die physische Außenwelt mag im Vergleich zur malerischen Arbeit im Atelier eine Einschränkung darstellen; doch es fasziniert ihn die Nähe zur Realität, die Nähe zum Leben. Für ihn wird die Wirklichkeit spannender als jede kompositorische Inszenierung auf der Leinwand. Genau hier sucht und findet er seine Bilder. Bilder, die Geschichten erzählen, Bilder, die auf ihre ganz bestimmte Art die Essenz des Lebens in sich tragen.
Der Augenblick der Bewegung, das Gestische: Die Malerei der »Jungen Wilden«, die in jenen Jahren im Rheinland eines ihrer Zentren hat, bringt dies mit Wucht auf die Leinwand. Stefan Enders – der zu einer neuen Generation gehört – setzt es mit der Kamera um. So wird auch klar, warum die Paarung Enders-Richter nicht funktionieren konnte: Richters Werk, gerade in seinen auf die Fotografie bezogenen Arbeiten, lebt stark von der Planung, der Übertragung schon gefundener Bilder in das malerische Medium. Stefan Enders steht mit seinem Prinzip des kontrollierten Zufalls in seinen Fotoarbeiten tatsächlich Francis Bacon viel näher. »Ich benutze sehr große Pinsel, und durch die Art wie ich arbeite, weiß ich tatsächlich oft nicht, wie sich die aufgetragene Farbe verhalten wird«, sagt Bacon. Stefan Enders benutzt bei seinen hier gezeigten Arbeiten keine Pinsel, dafür aber Fotoapparate, wie zum Beispiel seine Panorama-Kamera, die auf Grund ihrer optischen Eigenschaften im Arbeitsprozess ein ähnliches Eigenleben entwickeln.
Wer Stefan Enders schon einmal bei der Arbeit auf der Straße beobachtet hat, sieht etwas Merkwürdiges: Da ist ein mit sehr vielen Gerätschaften behangener Mann auf öffentlichen Plätzen unterwegs. In der einen Hand hat er die Kamera, in der anderen einen Blitz. Er trägt die Kamera im Arm – nicht vor dem Gesicht! – geht auf Menschen zu, ganz nah, und drückt – noch bevor eine mögliche Überraschung der Portraitierten stattfinden kann – auf den Auslöser. Es blitzt... Was folgt ist eine kurze Irritation, die Stefan Enders mit einem Lächeln und großem Charme in eine freundliche Situation überführt.
Auf diesem Weg gelingen ihm seine Bilder in ihrer Form und Gestaltung – in ihrer Eigenart. Sie offenbaren durch das offensive Vorgehen, durch das »Hinein-Springen« in den Moment eine Schonungslosigkeit in der Darstellung, die jede inszenierte und verabredete Bildsituation überdecken würde. Es ist sein Weg, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Seine Bilder spielen aber nicht mit der Aggressivität, wie beispielsweise die eines Bruce Gildens. Man sieht keine erschreckten, aufgerissenen Augen oder Münder. Stefan Enders versucht viel eher in der Tradition eines Henri Cartier-Bressons, als ein im Augenblick des Fotografierens unbemerkter Beobachter den entscheidenden Moment zu finden, noch bevor das Eindringen des Bildermachers erkannt wird. Doch Enders Arbeiten sind durch das dichtere Heranrücken ans Geschehen, durch die Arbeit mit extremen Weitwinkel-Objektiven und zusätzlichem Blitzlicht deutlich offensiver.
Seine schonungslose Offenheit beinhaltet aber gleichzeitig auch einen liebevollen Blick auf die Welt und auf die Menschen. Die Bilder strahlen immer Sympathie für die Abgebildeten aus, sie sind trotz ihrer Schonungslosigkeit voller Respekt und Achtung.
Enders führt die Menschen nicht vor oder stellt sie gar bloß. Seine Protagonisten nehmen die Hauptrolle auf der Bühne des Lebens an, die ihnen in ihrer Alltagssituation heraus für diesen einen Augenblick gegeben wird.
Enders erklärt mit seinen Bildern die Welt zur Bühne. Die hier gezeigten Arbeiten sind auf unterschiedlichen Kontinenten entstanden. Wir sehen eine Vielzahl von Menschen in ihrem Alltag, in Kairo, New York, Istanbul, Yucatan, Jerusalem, aber auch in München oder Düsseldorf. Sie scheinen auf dieser Bühne in permanenter Bewegung. Unterwegs von hier nach da. Wir kennen ihr Ziel nicht, wir treffen sie in einem Augenblick, der eine hundertstel Sekunde später wieder vorbei ist. Sie sind Individuen und doch Teil einer nach Milliarden zählenden Masse, die auf einer immerwährenden Suche zu sein scheint.
Mit dem Herausschneiden von Bildern aus diesem Fluss scheint der Fotograf als Chronist, unsere Zeit zu dokumentieren. Doch darüber hinaus werden wir als Betrachter der Bilder, durch dieses Anhalten des Lebens, auf uns selbst verwiesen. Durch das manchmal nur kurze Wiedererkennen werden wir mit den Fragen konfrontiert: Was ist eigentlich mein Weg? Von wo komme ich, wo will ich hin? – Was suche ich selbst?
Mathias Haentjes ist Autor, Regisseur und Fernsehjournalist
mit dem Schwerpunkt Kultur und Zeitgeschichte.
Mathias Haentjes: Stefan Enders and his work
»All my painting is an act of chance. Of course I see it beforehand, I have it in my mind and then I almost never paint it as I had planned to. It changes while I am painting.«
These are Francis Bacon’s words. Francis Bacon is one of Stefan Enders’ favourite painters. If you replace »painting« with »photographic work« you can begin to understand the photographer and photo-artist Stefan Enders.
Stefan Enders’ photographs are created by chance. But he doesn’t completely submit to it. The process involves a lot of time planning his work. The preparations are painstaking and he chooses his material, and the lighting and camera equipment very carefully. He modifies the camera to capture his unique view of each moment. He has perfected his barely noticeable camera technique over the years. But when he takes a photo, for a split second he lets the world influence the course of events. His pictures often look quite different to how he had imagined them, and something changes for him during their creation.
Stefan Enders was originally a painter. He trained two decades ago at the Mainz Academy of Arts. Then he went on to Düsseldorf, magically drawn by a big name in German painting: Gerhard Richter. But Richter passed him on to another teacher at the academy. This rejection turned out later to be an important turning point in Stefan Ender’s artistic journey. He changed from being a young painter attracted to Richter’s art and its references to photography, to becoming a photographic author in his own right, a painter of light.
Stefan Enders’ path of creative self-discovery began in Düsseldorf. He had learnt the practical side of photography during his art studies, but only as a means of documenting his work. Then by chance he met an editor of STERN magazine, who gave him his first commission as a photojournalist, which led on to more. But then the young painter had an epiphany – the closeness of the photographic medium to the physical world might seem restrictive in comparison to painting in the studio, but it fascinated him to be close to reality and close to life. Reality became more exciting to him than any composition on canvas. This is where he sought and found his pictures. Pictures that tell stories, pictures that in their unique way carry the essence of life.
The paintings of the »Junge Wilde« (»wild youth«) movement based in the Rhineland in those years show the moment of movement and gesture on canvas, whereas Stefan Enders, of the next generation, reveals this with his camera. It soon became clear why the Enders-Richters partnership could not work. Richter’s work, especially his photographic-related pieces, are created by planning and integrating found images into the medium of painting. Stefan Enders, using the principle of controlled chance in his photographs resembles Francis Bacon far more.
»I use very large brushes, and in the way that I work, I often don’t know how the paint on them will behave«, said Bacon. Stefan Enders does not use a brush, but photographic equipment – for example the Panorama camera, which develops its own life during the working process, thanks to its optical properties.
Anyone who has observed Stefan Enders at work on the street will see something strange – a man carrying a large amount of equipment walking around public places. In one hand the camera, in the other, a flash. He carries the camera on his arm, and not in front of his face!
He gets right up close to his subject, and releases the shutter before they can be surprised. Then there’s a flash and the person is briefly irritated. But Stefan can turn this into a friendly situation with his smile and immense charm.
In this way his pictures are successful in their form and creation – and in their strangeness. With the invasive approach »jumping into« the moment they are brutally authentic, which would not be possible with any stage-managed shot. This is his way of getting one step closer to reality. But his pictures do not play with aggression, as do those of, for example, Bruce Gilden. You will not see shocked, or widely opened eyes or mouths. Stefan Enders is trying to find the decisive moment just before the photographer’s intrusion is noticed, in the tradition of Henri Cartier-Bresson, rather than being an unseen observer when the shutter is released. But Enders’ work is markedly intrusive, by getting close up to the action, and using extreme wide-angle lenses and an additional flash.
However this brutal frankness allows for an affectionate view of the world and people. His pictures show sympathy and respect for their subjects despite their frankness.
Enders does not showcase people or just portray them simply as they are. His protagonists play a central role on the stage of life, removed from their daily routine for just a moment.
With his pictures Enders declares the world a stage. The work shown here was created on different continents. We see people in their daily lives, in Cairo, New York, Istanbul, Yucatán and Jerusalem, but also in Munich or Düsseldorf. They appear to be in permanent movement on this stage, on their way from here to there. We don’t know their destination. We meet them in one brief moment, which is gone after a split second. They are individuals, but part of the mass of billions who seem to be on a constant search.
By cutting out images from this flow the photographer appears as a chronicler, documenting our time. But when looking at these images of life momentarily on hold, we are forced to reflect on ourselves. During a brief moment of recognition we are confronted by questions such as »What is really my path? Where do I come from? Where do I want to go?« and »What am I looking for?«
Mathias Haentjes is a Writer, Director and TV journalist who specialises in culture and modern history.


