Ioan Daniciuc
Brief an meinen 93 jährigen Vater: Ich bin jetzt in Galaţi. In Rumänien. Dort, wo Du 1944 für ein paar Wochen als Soldat stationiert warst. Du hast mir Kopien Deiner Feldpostbriefe geschickt, die Du damals an Deine Mutter geschrieben hast. Und mir Fotos gemailt, die Du hier in Galaţi, in diesem Kriegsfrühling, gemacht hast. Wir haben danach lange am Telefon geredet. Der Briefwechsel mit Dir hat mich angeregt, für die Reihe meiner europäischen Porträts jemanden zu suchen, der wie Du damals den Krieg miterlebt hat.
Ioan Daniciuc, 95, Galaţi:
In einem Altersheim haben meine Dolmetscherin und ich ihn gefunden. Wir kommen in sein Zimmer und er liegt bei der schier unerträglichen Julihitze nur mit einer Trainingshose bekleidet auf dem Bett. Für das Foto will er sich aber schick machen. Mit seinen besten Kleidern, dunkler Hose, weißem Hemd und grauem Pullover, wohl bedacht mit grau-blau gestreiftem Schlips und schwarzem Hut, erscheint er im Garten zum Fototermin. Doch bevor er zu uns kommt, hat er sich noch, wie er sagt, nach den »Mädels« im Altersheim umgeschaut. Obwohl er ja eigentlich eine Freundin hier hat, eine viel jüngere, versteht sich. Seine Frau ist nämlich schon nach der Goldenen Hochzeit gestorben. Aber das ist auch schon wieder 25 Jahre her. Ioan war Soldat bei der rumänischen Armee. Weihnachten 1943 muss er an der vordersten Front kämpfen, an der Seite der Deutschen gegen die Russen marschieren. Er wird schwer verletzt, als sie auf der Krim, in der Nähe von Sewastopol, von den Russen eingekesselt werden. Zusammen mit anderen deutschen Verletzten wird er ausgeflogen. Im Lazarett in Odessa gibt es ein deutsches und ein rumänisches Hospital. Dann geht es weiter mit einem Zug, zurück nach Rumänien. Ioan erzählt, wie sie in den Waggons von Nonnen betreut wurden, dass viele seiner Kameraden Arme und Beine verloren hätten. Er kommt nach Galaţi ins Krankenhaus. Monate später, Ioan ist gerade aus dem Krankenhaus entlassen und zu seiner Einheit zurückgekehrt, erhält er plötzlich den Befehl in umgekehrte Richtung: Rumänien hat die Seiten gewechselt. Zusammen mit der Roten Armee, durch die er so schwer verletzt wurde, geht es nun gegen die Deutschen – einfach so. In Iași, nicht weit von Galaţi entfernt, steht er dann den Deutschen wirklich im Kampf gegenüber. Auf meine Frage, wie sich das anfühlte, plötzlich gegen die bisherigen Kameraden zu kämpfen, an der Seite des bisherigen Gegners, erzählt er: »Wir machten nur das, was Offiziere sagten, wir haben nicht darüber nachgedacht. Wir hatten nur Angst, hatten keine Zeit nachzudenken, nicht über unsere Frauen, nicht über das Leben vor dem Krieg. Wir hatten nur Angst.«
Letter to my 93-year-old father: I am now in Galați. In Romania, where you were stationed for a few weeks as a soldier in 1944. You sent me copies of the letters you had written to your mother at the time and had sent by military post. You also sent me photographs you had taken here in Galați, in that wartime spring. After that, we spoke on the phone for a long time. Our correspondence inspired me to find somebody for my series of European portraits, someone who, like you, had experienced the war.
Ioan Daniciuc, 95, Galați:
My interpreter and I found him in a nursing home. When we enter his room, he is lying on the bed wearing only a pair of tracksuit bottoms in the unbearable July heat. However, he insists on smartening himself up for the photograph. He appears in the garden in his best clothes, dark trousers, white shirt and grey tank top, a carefully chosen grey and blue striped tie and a black hat, ready for his photo shoot. Before coming down to us he had had a little look around for the »girls« in the home, he tells me. Despite the fact he does actually have a girlfriend here – much younger than him, of course. His wife died after their golden wedding anniversary, but that was 25 years ago now. Ioan was a soldier in the Romanian army. At Christmas 1943, he was sent to the front line to fight alongside the Germans, against the Russians. He was severely wounded when they were surrounded by Russian troops near Sevastopol in Crimea. He and the other wounded German soldiers were taken to Lazarett in Odessa, which had German and Romanian military hospitals. They were then taken back to Romania by train. Ioan recounts how they were looked after by nuns in the carriages, and about how many of his comrades had lost limbs. He ended up in the hospital in Galați. Months later, Ioan was discharged from hospital and had just returned to his unit when he was suddenly being ordered in the opposite direction: Romania had changed sides. He was now fighting against the Germans, alongside the Red Army which had injured him so badly – just like that. In Iași, not far from Galați, he then faced the Germans in battle. When I ask how it felt to be fighting against his former comrades on the side of his former opponents, he says, »We just did what the officers told us to, we didn't really think about it. We were just scared, we didn't have time to think, not about our wives or life before the war. We were just scared.«
