Text WEIT WEG VON BRÜSSEL
Hochschulmagazin FORUM

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Das Thema der Flüchtlinge und Immigranten, das heute den politischen Diskurs in Europa bestimmt, der Austritt Großbritanniens aus der EU, das Unabhängigkeitsstreben von Regionen wie Katalonien, was die bisherigen Nationalstaaten mehr und mehr in Frage stellt, rechtspopulistische Parteien in ganz Europa. – Alle diese brennenden europäischen Fragestellungen waren nicht absehbar, als ich mich im März 2015 im Rahmen meines Forschungssemesters auf den Weg machte, die Europäische Union fotografisch zu erkunden. 25 Jahre, nachdem die Trennung Europas in Ost und West Geschichte geworden war und man ohne Kontrollen durch die Europäische Union reisen konnte, wollte ich etwas über die Menschen erzählen – aber nicht dort, wo man alles schon kennt, in den Zentren und Metropolen, sondern in den Grenz- und Randgebieten: Weit weg von Brüssel.


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Als ich mit meinem Caravan nach Schottland aufbrach, um dort meine siebenmonatige Reise entlang der Außengrenze der Europäischen Union zu beginnen, war mir nicht klar, welche Brisanz und Aktualität das Thema Europa noch in demselben Jahr bekommen würde. So stand ich Monate später in der spanischen Exklave Melilla auf afrikanischem Boden, wo ein riesiger Grenzzaun die Europäische Union vor dem Ansturm von Immigranten schützen soll, ich stand im Hafen von Catania, als ein britisches Kriegsschiff 1.100 aus Seenot gerettete Flüchtlinge an Land brachte. Zwei Wochen später porträtierte ich zum Zeitpunkt des griechischen Volksentscheids über den Verbleib im Euroraum obdachlose Menschen in einem Athener Nachtasyl. In Bulgarien erlebte ich die Situation von Sinti und Roma in einem Dorf an der Grenze zur Türkei. Ende September schloss sich für mich der Kreis – ich hatte Europa einmal umrundet – als ich im nördlichsten Dorf der Europäischen Union, dem finnischen Nuorgam, eine Schulklasse fotografierte. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die ersten Grenzen innerhalb der EU wieder geschlossen.
Entstanden sind in diesen Monaten 151 Portraits in 15 europäischen Staaten. Verbunden mit 151 Lebensgeschichten: vom Politiker, über den Fabrikdirektor, den Gewerkschaftsboss, die Arbeiterin, den Arbeitslosen bis hin zu den in Europa gelandeten Flüchtlingen. Eine Serie von europäischen Portraits, die auf auf ihre eigene Art und Weise den Zustand unseres Kontinents beschreiben.

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»Seit Jahrhunderten spüren wir hier die Gefahr, die von Afrika ausgeht! Ich zweifle daran, dass der Frieden erhalten bliebe, wenn die Legión nicht da wäre.«
Brigada Miguel Angel Pascual Villalobos, 51, Spanische Enklave Melilla, Afrika
Miguel ist seit 32 Jahren bei der Legión, der Eliteeinheit der spanischen Streitkräfte. Er war in Kampfeinsätzen auf dem Balkan, im Irak und zuletzt noch im Kosovo. Er stammt aus Melilla. »Seit ich sprechen kann, wollte ich zur Legión. Wenn man in solch einer militärischen Grenzsituation aufwächst, prägt einen das als Kind. Ich hatte immer schon den Wunsch, mein Land zu verteidigen.«

»Seit 10 Monaten habe ich keinen Lohn mehr bekommen. Am Schluss hatten wir nicht einmal mehr Geld für das Essen der Flüchtlinge. Ich frage mich, wohin das viele Geld der EU geflossen ist. Das Ganze ist ein riesiges Geschäft!«
Lella Pennisi, 42, mit ihrem Sohn Okada Buluma, 7, Acireale, Sizilien, Italien
Als Sozialarbeiterin betreute sie für eine private Hilfsorganisation Flüchtlinge aus Nordafrika. Doch jetzt hat sie gekündigt, nachdem sie die Geschäftshintergründe der Organisation durchschaut hat. Beinahe zehn Millionen Euro seien verschwunden.

»Seitdem ich die Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen konnte, müssen wir das ganze Wasser für zehn Personen in Flaschen vom nächsten Brunnen holen.«
Stefan Dimitrov, 59, Zvezdets, Bulgarien
Früher gab es hier eine große Militär-Garnison. Die türkische Grenze ist gerade mal zehn Kilometer entfernt. In den verfallene Miets-Kasernen der Soldaten leben heute viele Sinti und Roma. Stefan Dimitrovs zehnköpfige Familie teilt sich eine feuchte, verschimmelte Militärwohnung. Das Dach ist kaputt, es regnet rein. Zwei der kleinen Kinder sind krank. Eine Möglichkeit, zu einem Arzt zu gehen, haben sie nicht.

Es ist ein großes Volksfest, das am St. Patrick´s Day in Derry gefeiert wird. Zu Ehren des irischen Schutzpatrons. Auch in Nordirland sieht man überall die irischen Nationalfarben. Sie sollen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes repräsentieren: Die Katholiken mit dem Grün, die Protestanten mit dem Orange. – Das Weiß steht für den Frieden zwischen den Konfessionen.
Derry/Londonderry, Nordirland

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»Ich wollte nie nach Europa. Ich hatte einen Job und meine Frau war schwanger. Doch die libyschen Polizisten haben mich mit der Waffe auf ein Boot getrieben.«
Chuks und Larry Elisabeth Otuya, 33 und 27, mit den Zwillingen Mary und Mercy, 8 Monate, Ragusa, Sizilien, Italien
Der Mechaniker aus Nigeria arbeitete jahrelang in Libyen. Die italienischen Hilfsorganisationen sprechen von »Target-Boats«: Die Libyer testen, was passiert, wenn sie alle Menschen, die sie loswerden wollen, auf Boote packen. Chucks Frau Larry Elisabeth folgt ihm später, im achten Monat hochschwanger. Auch sie wird auf hoher See gerettet und in ein sizilianisches Krankenhaus gebracht, wo sie kurze Zeit später Zwillinge zur Welt bringt.

»In der Schule reden sie mit uns nicht darüber, alle Angst vor der Vergangenheit.«
Konstantin, 15, und Krasimir, 20, Buzludzha, Bulgarien.
An den Wänden des riesigen, halb verfallenen Plenarsaals prangen noch die überdimensionierten Mosaik-Porträts der kommunistischen Führer. Diktator Todor Schivkov ließ einst das futuristische Beton-Monument auf einem Gebirgsgipfel errichten, um den Ruhm der Partei zu feiern.

»Wenn mein Freund nicht an Lissabon gebunden wäre, würde ich auch gehen, am liebsten nach Skandinavien. Das hat hier für uns Junge doch alles keine Perspektive mehr.«
Ines Costa, 30, Krankenschwester, Lissabon, Portugal
Ines arbeite in der Notaufnahme einer großen Klinik. Sie ist hochqualifiziert und für die schwersten Fälle verantwortlich. Obwohl sie einen Master in Notfallmedizin hat, obwohl sie seit Jahren selbst Krankenschwestern ausbildet, verdient sie gerade mal 1.000 Euro im Monat.

»Wenn Du dann keine Familie mehr hast, die Dich unterstützt, landest Du in der Krise im Obdachlosenheim.«
Giorgos Dimopoulos, 64, Nachtasyl Médecins du Monde, Athen, Griechenland
Giorgos hat Job und Wohnung verloren.

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Drei Stunden später finde ich sie am herunter gekommenen Bahnhof der Stadt neben dem Billa-Supermarkt. Daniel, mit dem ich am Morgen im Sozialzentrum lange gesprochen habe, den ich porträtiert habe, erkennt mich nicht mehr. Der Kleber hat ihnen das Bewusstsein weggeblasen.
Sozialarbeiterin Saskia: »Sie werden nicht nur abhängig. Der Kleber zerstört ihre Gesundheit, ihr Gehirn, ihre Organe, alles. Wir haben einen zehnjährigen Straßenjungen, der seit Jahren schnüffelt, er wächst einfach nicht mehr.«
Onesti, Rumänien

»Makedonien – Griechisches Land«. Blut und Boden. Darüber die rote Flagge der Partei mit dem an das Hakenkreuz erinnernden Symbol. Die Demonstranten erzählen mir später: »Wir lieben doch nur unser Land.« Ob ich denn etwa mein Land nicht lieben würde? – Die Anhänger der Partei Chrysi Avgi (Golden Morgenröte) strecken die Hand zum Hitlergruß und machen mit Schlägertrupps Jagd auf Immigranten. Und sitzen als drittstärkste Kraft im griechischen Parlament.
Thessaloniki, Griechenland

»Im Winter ist das nicht so einfach hier. Da gibt es überhaupt keine Farben. Da sieht man nur noch Grau-Schattierungen. Das ist das Einzige.«
Venla, 11, Riine, 11, Tuuni, 12, Valtteri, 13, Schule Nuorgam, Finnland
Nuorgam ist der nördlichste Ort der Europäischen Union, 500 Kilometer nördlich des Polarkreises, 30 Kilometer sind es noch bis zum Eismeer. Obwohl nur 200 Menschen hier leben, gibt es noch eine Schule. Die Grenze zu Norwegen war hier immer offen. Die Sami, die Urbevölkerung Lapplands, leben sowieso auf beiden Seiten der Grenze.

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Am Hafen liegen sie gestapelt: Boote mit arabischen Schriftzeichen. Ein riesiger Schiffs-Friedhof. Eigentlich sollen die zurückgelassenen Boote der Immigranten »vernichtet« werden, doch die Behörden kommen damit nicht mehr nach. Portopalo di Capo Passero, Sizilien, Italien


Die Ausstellung mit großformatigen Arbeiten wurde unter der Schirmherrschaft des Ausschusses der Regionen in Brüssel vor dem Europäischen Parlament präsentiert und danach durch verschiedene europäische Länder geschickt. – Das gleichnamige, 336-seitige Buch WEIT WEG VON BRÜSSEL ist in der Edition Lammerhuber erschienen.
Zur Edition Lammerhuber


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