Text JENSEITS VON BRÜSSEL
Magazin PUBLIK-FORUM
Auf der Suche nach Europa: Der Fotograf Stefan Enders ist monatelang an der Außengrenze der Europäischen Union entlanggereist und hat dort Menschen porträtiert. Seine Bilder zeigen einen Kontinent voller Widersprüche und Hoffnungen. Von Stefan Enders
Ich treffe Charles Harkins in Schottland, an einer Bootsanlegestelle am Südufer des Meeresarms Firth of Forth. Harkins ist seit 33 Jahren Kapitän. Sein Schiff liegt vor uns am Pier. Über uns schwebt in schwindelerregender Höhe die Forth-Railway-Bridge, die den Süden Schottlands mit den Highlands verbindet und zum Weltkulturerbe gekürt wurde. Hinter uns das historische Hotel, in das sich Robert Louis Stevenson zurückzog, um seinen Roman »Die Schatzinsel« zu verfassen. In den letzten Jahren hat Charles Harkins mit seinem Schiff die Ölarbeiter auf die Plattformen gebracht und sie nach der Schicht wieder abgeholt. In zwei Wochen geht er in Rente. Der schottische Kapitän ist der Erste von über zweihundert Europäern, die ich in den nächsten Monaten fotografieren werde.
25 Jahre nachdem die Trennung Europas in Ost und West Geschichte geworden war und man ohne Kontrollen durch die Europäische Union reisen konnte, wollte ich als Fotograf etwas über die Menschen in diesem Europa erzählen. Bei der Planung wurde mir schnell klar, dass ich nicht Geschichten in den bekannten Metropolen wie Berlin, Paris oder auch Brüssel suchen, sondern schauen wollte, wie die Menschen am Rande leben - weit weg von diesen Zentren. Als ich mich im März 2015 auf den Weg machte, ahnte niemand, welche Aktualität dieses Projekt bekommen würde. Sieben Monate lang reiste ich entlang der gesamten Außengrenzen der Europäischen Union. Von Schottland über den westlichsten Zipfel Portugals, über Sizilien, Griechenland und Rumänien bis zum nördlichsten Dorf der Europäischen Union, dem finnischen Nuorgam. Nach 31 000 Kilometern hatte ich die EU einmal umrundet - und plötzlich waren die ersten europäischen Grenzen bereits wieder geschlossen.
Entstanden sind in diesen Monaten 151 Fotografien von Menschen in 15 europäischen Staaten. Verbunden mit 151 Lebensgeschichten: vom Politiker über den Fabrikdirektor, den Gewerkschaftsboss, die Arbeiterin, den Arbeitslosen bis hin zu den in Europa gelandeten Flüchtlingen. Eine Serie von europäischen Porträts, die auf ihre eigene Art und Weise den Zustand unseres Kontinents beschreiben.
Charles Harkins wohnt in der Nähe des Bootsanlegers, in Falkirk. Dort hat er immer gewohnt, dort wurde er bereits geboren. Jetzt freut er sich darauf, dass er bald mehr Zeit haben wird, auch für seine beiden Enkel. Wir sprechen über Europa: »Nein, ich würde nicht sagen, dass mich das nicht interessiert, was da in Brüssel vor sich geht«, sagt Charles. »Aber ich verstehe es nicht.« Als ich ihn frage, ob er sich denn eigentlich als Europäer fühle, zieht er den Ärmel über seinem Unterarm hoch und zeigt mir sein Tattoo: ein Highlander mit Dudelsack, Schottenrock und Bärenmütze. »Keine Ahnung - ich bin Schotte!«
lnes Costa treffe ich in einem öffentlichen Bus in Lissabon. Sie ist Krankenschwester in einem der großen Krankenhäuser der Stadt. Mit ihrem Masterabschluss in Notfallmedizin ist sie hochqualifiziert und bildet bereits selbst Krankenschwestern aus. Doch am Ende des Monats verdient sie so wenig, dass sie kaum davon leben kann: ein Beispiel für die wirtschaftspolitische Misere vieler südeuropäischer Staaten. Es sei gut, dass ich eine Krankenschwester porträtiere, meint später die Direktorin des Goethe-Instituts in Lissabon. So viele qualifizierte Menschen säßen in den Sprachkursen des Instituts, um Deutsch zu lernen. Sie alle wollten das Land verlassen: »Es ist eine Katastrophe für Portugal!« Auch lnes würde am liebsten gehen, am liebsten nach Skandinavien. »Das hier hat für uns junge Leute doch alles keine Perspektive mehr.«
Trotz aller Enttäuschung und Frustration - die Idee Europas hatte bei den jungen Menschen, die ich traf, einen hohen und überaus wichtigen Stellenwert: Das freie Reisen, ohne Kontrollen und Einschränkungen, wurde mir immer als eines der ersten Argumente genannt. Oder eben auch die Möglichkeit, es beruflich woanders zu versuchen, wenn am Heimatort nichts mehr geht.
Dem Gefühl der Bedrohung durch offene Grenzen oder auch Immigranten begegnete ich dagegen sehr selten. Am ehesten noch in Melilla, der kleinen spanischen Exklave auf afrikanischem Boden, bei Brigada Miguel Angel Pascual Villalobos. Der 51-Jährige ist Offizier der Legion, der Eliteeinheit der spanischen Streitkräfte, und sagt: »Seit Jahrhunderten spüren wir hier die Gefahr, die von Afrika ausgeht! Ich zweifle daran, dass der Frieden erhalten bliebe, wenn die Legion nicht da wäre.« Miguel ist in Melilla aufgewachsen, er war in Kampfeinsätzen auf dem Balkan, im Irak und zuletzt noch im Kosovo. »Seit ich sprechen kann, wollte ich zur Legion. Wenn man in solch einer militärischen Grenzsituation aufwächst, prägt einen das als Kind. Ich hatte immer schon den Wunsch, mein Land zu verteidigen.«
Die 42-jährige italienische Sozialarbeiterin Lella Pennisi ist verzweifelt. Ich porträtiere sie mit ihrem siebenjährigen Sohn in Acireale auf Sizilien. Seit zehn Monaten habe ich keinen Lohn mehr bekommen. Am Schluss hatten wir nicht einmal mehr Geld für das Essen der Flüchtlinge. Ich frage mich, wohin das viele Geld der EU geflossen ist. Das Ganze ist ein riesiges Geschäft!« Als Sozialarbeiterin betreute sie für eine private Hilfsorganisation Flüchtlinge aus Nordafrika. Doch nachdem sie die Geschäftshintergründe der Organisation durchschaut habe, hat sie gekündigt. Beinahe zehn Millionen Euro seien verschwunden.
Während in Süditalien die europäische Hilfe für Flüchtlinge in den Kanälen der Mafia versickert, streitet man sich zur selben Zeit in Griechenland über den Verbleib des Landes in der europäischen Währungsunion. Ganz Europa schaut auf das Land. Kurz vor der Volksabstimmung darüber treffe ich in Athen ein. Die Auseinandersetzungen eskalieren zunehmend bei den abendlichen Demonstrationen auf der Straße. Nach langen Verhandlungen gelingt es mir, in einem Nachtasyl der Medecins du Monde, der Ärzte ohne Grenzen, zu fotografieren. Dort, wo diejenigen landen, denen die Krise am Ende alles genommen hat. Ich treffe Menschen des gehobenen Mittelstandes, einen Rechtsanwalt und ein paar ehemalige Unternehmer, die nicht nur ihre Arbeit, sondern auch Haus und Wohnung verloren haben. Giorgos Dimopoulos, 64, bringt es auf den Punkt: »Wenn du dann keine Familie mehr hast, die dich unterstützt, landest du in der Krise im Obdachlosenheim.«
Ich hatte befürchtet, dass es für mich als Fotograf sehr schwer werden würde, dort Menschen zu finden, die sich porträtieren lassen würden. Doch ganz im Gegenteil: So viele wollen mir ihre Geschichte erzählen, sind froh, dass ihnen endlich jemand zuhört. Obwohl in jenen Tagen in Griechenland gegenüber der Europäischen Union große Vorbehalte und Anfeindungen bestehen, ist Europa immer auch mit dem Gefühl der Hoffnung verbunden. Auch die Menschen in diesem Nachtasyl wollen nicht nur von ihrer persönlichen Geschichte erzählen - sie verbinden mit Europa auch die Hoffnung auf eine bessere Lebenssituation.
Im Gegensatz zu der heutzutage so gerne hochstilisierten »EuropaMüdigkeit« erlebte ich auf der gesamten Reise bei den Menschen eine große Zustimmung für mein Europa-Projekt. Alle Beteiligten reagierten absolut positiv, sie waren stolz und begeistert, daran mitzuwirken und durch ihr Porträt ein Teil dieser »europäischen Familie« zu werden. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass all diese Menschen in so kurzer Zeit ihre Haltung gegenüber Europa komplett geändert haben sollen. Nach den Erfahrungen meiner Reise wirkt die heutige Situation für mich wie ein aufgesetzter populistischer Rummel. Und sie offenbart die gefährliche Wirkung heutiger medialer Prozesse.
Als ich den bulgarischen Ministerpräsidenten fotografierte, erschrak ich über dessen äußere Ähnlichkeit mit seinen glatzköpfigen, stiernackigen Bodyguards. Daraufhin erzählte mir mein bulgarischer Dolmetscher Ivan Popov: »Natürlich sind hier noch immer alle korrupt. Trau einfach niemandem in Bulgarien!« Doch dann fügte er sehr schnell hinzu: »Aber alles wäre hier noch viel, viel schlimmer, wenn wir nicht Mitglied der Europäischen Union wären!«
Hinter den meisten Porträts dieses Projektes stehen menschliche Geschichten. So verweisen die Fotografien auf aktuelle politische Zusammenhänge und machen diese sichtbar. Eine der erschreckendsten Begegnungen meiner Reise war die mit dem 19-jährigen Daniel. Er gehört zu einer Gruppe Straßenkinder in der rumänischen Kleinstadt Onesti, sie alle schnüffeln Klebstoff. Am Morgen porträtiere ich ihn im Sozialzentrum Oaza, das die holländische Sozialarbeiterin Saskia Verdoes dort aufgebaut hat. Zur Mittagszeit finde ich die Jugendlichen am heruntergekommenen Bahnhof der Stadt neben dem BillaSupermarkt. Daniel, mit dem ich noch vor drei Stunden lange gesprochen habe, den ich fotografiert habe, erkennt mich nicht mehr. Der Kleber hat ihm das Bewusstsein weggeblasen. Die Sozialarbeiterin Saskia sagt mir: »Sie werden nicht nur abhängig. Der Kleber zerstört ihre Gesundheit, ihr Gehirn, ihre Organe, alles. Wir haben einen zehnjährigen Straßenjungen, der seit Jahren schnüffelt, er wächst einfach nicht mehr.«
Zuvor war ich davon ausgegangen, dass das Thema Straßenkinder in Rumänien, von dem man schon vor über zwanzig Jahren, direkt nach der Wende, in den Zeitungen lesen konnte, der Vergangenheit angehört. Doch im Gegenteil, in den kleineren Städten, wie hier in Onesti, nimmt das Phänomen in den letzten Jahren zu. Ursache ist jetzt nicht mehr die verfehlte Familienpolitik Ceausescus, wie vor 25 Jahren - heute liegt der Grund darin, dass viele Eltern in die westeuropäischen Länder gehen, um Arbeit zu finden und ihre Kinder in Rumänien allein oder bei den Großeltern zurücklassen müssen.
Auch Daniels Vater ging nach dem Tod seiner Frau auf der Suche nach
Arbeit nach Spanien. Der kleine Daniel blieb zurück beim älteren Bruder, der sich aber nicht um i hn kümmern konnte. Dann landete Daniel in einem rumänischen Kinderheim, bis er dort vor vier Jahren weglief. Auf der Straße brachten ihm die anderen Jungs bei, mithilfe des Klebstoffs Prelandez mit seinen Problemen umzugehen: »Du fühlst keinen Hunger, du fühlst keine Kälte, du vergisst einfach alles.« Sein Schicksal geht mir heute noch nahe.
Mimmi trug früher einen Männernamen, sie hieß damals Hannu. Ich lerne sie am Abend in der Fußgängerzone Lappeenrantas kennen, einer Kleinstadt in den finnischen Wäldern, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Am nächsten Morgen erzählt sie mir in ihrem Sommerhaus, direkt am Wasser, an einer der traumhaften Buchten des weit verzweigten Seimaa-Sees gelegen, von ihrem Leben: »Ich war drei, als ich zum ersten Mal versuchte, Kleider meiner Mutter anzuprobieren.« Mimmi berichtet von den langen schmerzhaften Jahren, bis sie es schaffte, sich endlich zu outen und ein offenes Leben als Transvestit zu führen. Sie erzählt, dass sich in der finnischen Gesellschaft viel verändert habe, sodass sie heute, auch hier in der ländlichen Provinz, akzeptiert würde. Und dann berichtet sie mir, dass sie über den Schwulen-, Lesben- und Transgender-Verband Kontakt zu den Menschen auf der anderen Seite der Grenze hat: Sie schildert die Verfolgungen im heutigen Russland und beschreibt, wie Schlägertrupps regelrecht Jagd auf Schwule und Lesben machen. Mimmi führt mir den Wert der liberalen Rechtsstaatlichkeit, den Schutz von Minderheiten in der Europäischen Union vor Augen, als sie abschließend sagt: »Ich danke Gott, dass ich auf dieser Seite der Grenze und nicht in Russland geboren wurde!«
Im Hinblick auf Umweltschutz-Standards, auf Menschenrechte oder auch beim Blick auf die Rechte von Arbeitnehmern: In so manchen Ländern habe ich mich immer wieder gefragt - wie sähe es hier aus ohne die EU?Im Lauf dieser langen Reise habe ich Europa noch mehr schätzen und lieben gelernt. Viele der Schicksale und Lebensgeschichten, denen ich begegnet bin, haben mich tief berührt. Trotz aller Unterschiedlichkeit fiel mir besonders die Gemeinsamkeit zwischen den Ländern und Menschen auf - überall spürte ich etwas von diesem gemeinsamen Geist. Eine Verbindung, die mir immer wieder das große gemeinsame kulturelle Erbe unseres Kontinents vor Augen führte.
Stefan Enders, geboren 1958, hat Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und sich dann der Fotografie zugewandt. Seine Fotografien sind In internationalen Magazinen erschienen. Seit 2005 lehrt er als Professor Fotografie an der Hochschule Mainz.
Das Projekt WEIT WEG VON BRÜSSEL wurde als Ausstellung mit großformatigen Arbeiten unter der Schirmherrschaft des Europäischen Ausschusses der Regionen in Brüssel vor dem Europäischen Parlament der Öffentlichkeit präsentiert. Seitdem tourt die Ausstellung durch verschiedene europäische Länder. Zuletzt wurde sie im Museum für Kommunikation am Frankfurter Museumsufer gezeigt. – Das gleichnamige, 336-seitige Buch WEIT WEG VON BRÜSSEL ist in der Edition Lammerhuber erschienen.


